Um den Begriff der Kontrolle zu klären, ist es zunächst wichtig, sich das Umfeld des Begriffes anzuschauen. Während der Textrecherche in Foucault, Deleuze und Mike Davis kristallisierte sich ein Zusammenspiel aus Machtbeziehungen, Ökonomie, Disziplin und Kontrolle heraus. Es ist also für die Definition und Klärung der Semantik des Begriffes “Kontrolle” unabdingbar sich die Struktur, in die dieser Begriff eingebettet ist, ebenfalls näher anzuschauen.
Deleuze schreibt in seinem Aufsatz Postskriptum über die Kontrollgesellschaft: “Die Kontrollgesellschaften sind dabei, die Disziplinargesellschaften abzulösen.”1
Was genau meint also Deleuze damit, wenn er sagt, dass eine Gesellschaft der Kontrolle die Gesellschaft der Disziplin ablöst? Er schreibt hier über den Text von Foucault “Überwachen und Strafen”. Foucault fängt in seinem dritten Kapitel “Disziplin” über die gelehrigen Körper mit der Beschreibung einer Idealfigur an, die des einfachen Soldaten. Er schlägt von dem Soldaten ein Bogen über die Disziplinierung des Körpers, Macht, Ökonomie und Kontrolle.
Am Anfang des dritten Kapitels spricht er von den Zeichen der Rhetorik, also einer Art Schrift des Soldaten, die eine bestimmte Form, die Maschine, produziert.
“Er trägt Zeichen: die natürlichen Zeichen seiner Kraft und seines Mutes und seines Stolzes; sein Körper ist das seiner Stärke und seiner Tapferkeit.”2 “In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist der Soldat etwas geworden, was man fabriziert. Aus einem formlosen Teig, aus einem untauglichen Körper macht man die Maschine, deren man bedarf, Schritt für Schritt hat man die Haltung zurechtgerichtet, bis ein kalkulierter Zwang jeden Körperteil durchzieht und bemeistert, den gesamten Körper zusammenhält und verfügbar macht und sich insgeheim bis in die Automatik der Gewohnheiten durchsetzt.“3
Hier erhält man einen ersten Hinweis darauf, dass es um die Nutzbarmachung des Körpers geht. Dass ein Zwang ausgeübt wird, den Automatismus über geht und diesen zu jeder Zeit verfügbar machen kann. Nach der Beschreibung der Disziplinierung des Körpers des einfachen Soldaten kommt Foucault zu der Aussage, dass der Körper als Gegenstand und Zielscheibe der Macht, immer mehr Aufmerksamkeit erfahren habe und sich hierfür leicht die Zeichen finden ließen.4
Der Mensch als Maschine wurde auf zwei Ebenen manifestiert, auf der anatomisch-metaphysischen und auf der technisch-politischen. Die technisch-politische Ebene verfolgte Kontrolle bzw. die Korrektur des Körpers und seiner Tätigkeiten. “Die Aufmerksamkeit galt dem Körper, den man manipuliert, formiert und dressiert, der gehorcht und antwortet, gewandt wird und dessen Kräfte sich mehren.5
Es geht hier um die Unterwerfung und Nutzbarmachung und um die Funktionen des Körpers und um Erklärungen. Also dem Körper und seine Funktionsweisen besser zu verstehe,n um aus ihm eine besser funktionierende und produktivere Maschinen zu machen.
Doch was ist nun das besondere an dieser Erkenntnis? In jeder Gesellschaft und zeitlichen Epoche wird der Körper, der Mensch von Mächten vereinnahmt, die ihm Zwänge oder Verbote auferlegen, ihn kontrollieren. Foucault kommt nun zum Begriff der Kontrollen, die in diesem Bezug eine gewichtigere Größenordnung einnimmt. Nun mehr geht es nicht mehr darum, den Körper in der Masse per se zu bearbeiten, sondern im Detail. Frei nachdem Motto: Jeder Mensch ist anders und bedürfe daher eine unterschiedliche Disziplinierung.6
[...] die Zugriffe auf der Ebene der Mechanik ins Kleinste gehen zu lassen: Bewegungen, Gesten, Haltungen, Schnelligkeit. Eine infinitesimale Gewalt über den tätigen Körper.“7 Der Begriff der Kontrolle ist nun nicht einfach eine Veränderung der Sprache des Körpers, sondern es geht zunehmend um die Ökonomie, der Effizienz der Bewegungen. Die Kontrolle zielt nun nicht mehr auf die Zeichen des Körpers, sondern auf seine Kräfte ab. “Diese Methoden, welche die peinliche Kontrolle der Körpertätigkeiten und die dauerhafte Unterwerfung ihrer Kräfte ermöglichen und sie gelehrig/nützlich machen, kann man die “Disziplinen” nennen.”8 Es herrscht also eine Politik des Zwanges, damals wie heute. Foucault schreibt hier, dass der menschliche Körper von der Machtmaschinerie zergliedert, durchdrungen und wieder zusammengesetzt wird. Diese Mechanik der Macht definiert, wie man die Körper der anderen in seine Gewalt bringen kann, nicht nur, um sie machen zu lassen wie man will, sondern auf diese Weise geübte und gefüge Körper für die Ökonomie zu produzieren.9
Es geht also ganz klar um die ökonomische Ausbeutung der Arbeitskraft des menschlichen Körpers, die durch eine Mikrophysik der Macht den Körper diszipliniert. Von dieser politischen Anatomie ausgehend, bleibt dennoch die Frage relativ offen, wo genau hier die Kontrolle anzusiedeln ist.
Hier kommen wir zu Deleuzes Aufsatz über die Kontrollgesellschaften. Er beschreibt, wie der Prozess der Kontrolle abläuft. In der Kontrollgesellschaft tritt an Stelle der Fabrik das Unternehmen. In der Fabrik herrscht hauptsächlich der Lohn nach Verdient, permanente Weiterbildung löst die Schule ab und die Examen werden durch permanente Kontrolle abgelöst. Die Schule als temporär begrenzte Kontrollform wird in ein lebenslanges Kontrollinstrument verwandelt, welches sich hinter den Gewand der “permanenten Weiterbildung” versteckt. Dies impliziert, das sich der Mensch weiterbilden muss um höchstmöglichen Status zu erhalten. Doch selbst dies ist kein Garant dafür, da er immer wieder Ausleseverfahren durchlaufen und sich der Konkurrenz stellen muss.10
Hier findet die Kontrolle des Menschen durch die Leistungsüberwachung statt. “In den Disziplinargesellschaften hörte man nie auf, anzufangen [...], während man in den Kontrollgesellschaften nie mit irgend etwas fertig wird [...]11
Will er uns damit darauf hinweisen, dass der Mensch an sich vor der Kontrolle keine Angst hat, sondern vor dem Verlust ein Teil des gesellschaftlichen Systems zu sein? Geht es darum Teil der Warenströme und des Geldflusses zu
sein? Wenn in der Disziplinargesellschaft die Strafe darin bestand, räumlich nicht teilzunehmen (Gefängnis), scheint es bei der Kontrollgesellschaft darum zu gehen, dass man die Teilhabe an Gesellschaften, also am sozialen System
verlieren kann. “Die numerische Sprache der Kontrolle besteht aus Chiffren, die den Zugang zur Information kennzeichnen bzw. die Abweisung. Die Individuen sind “dividuell” geworden, und die Massen Stichproben, Daten, Märkte oder Banken.” 12
Hier liegt unserer Meinung nach die Ursache der gesellschaftlichen Segregation verankert, die es erst ermöglicht, sich diesem Druck zu fügen. Steigt ein Körper, ein Mensch aus diesem kontrollierten System aus, entzieht er sich zumeist der Produktion und somit dem Lohn für seine Arbeitskraft. Die Folge dessen ist die schleichende Ausgrenzung, Segregation dieses Menschen, da er keine Zugänge mehr findet. Um diese Menschen zu kontrollieren, dienen sie als Projektionsfläche für Negationen.
Diese Projektionsfläche deutet sich nicht nur in gesellschaftlichen Zwängen und in segregierenden Prozessen an, sondern wird auch in der gebauten Umwelt sichtbar. In der Architektur werden die im vorangegangenen Text erläuterten Beziehungen der Kontrolle und ihrem Umfeld sichtbar. So verwendet Mike Davis in seinem Text einen Straßennomaden als Projektionsfläche der Negation.
“Wenn sich einmal ein mittelloser Straßennomade in die Broadway Plaza oder vor das Museum of Contemporary Art verirrt, löst er eine leichte Panik aus: die Videokameras rotieren auf ihren Sockeln, und die Wachschützer rücken ihre Gürtel gerade.“13
Auf die Hintergründe des Straßennomaden, sei es ein Aussteiger, ein von Geburt an benachteiligter Mensch oder ein Rebell geht Davis nicht ein. Hier spielt keine Rolle, ob sich das Individuum aus eigener Motivation oder durch äußere Einflüsse (Behinderung, mangelnde Bildung) aus dem Produktion entzieht.
Interessanter ist die Tatsache, dass das erscheinen eines Körpers, das Zielen unterschiedlicher Kameras auslösen kann. Seine Wahrnehmung anderer Zivilisten wird durch das Kreisen der Kameras, sowie durch die verstärkte Aufmerksamkeit der Polizei noch verstärkt. Zugleich bekommen diese im Unterbewusstsein die Botschaft, dass sie nicht zur Spezies der Straßennomaden gehören wollen.
Der Mensch muss sich nach Deleuze weiterbilden um den höchstmöglichen Status zu erhalten. Eine Weiterbildung erfährt auch die physischen Ebene der Kontrolle. So kommt es zu einer stetigen Verbesserung der Verhinderungsarchitektur: “[...] , begreifen auch Zentren außerhalb der inner city-Viertel Sicherheitsvorkehrungen inzwischen als integralen Teil der Planungs- und Managementstrategie.” 14 Oder: “An den Eingängen und im gesamten Einkaufszentrum sind mit Bewegungsmeldern ausgerüstete Videokameras angebracht. Das gesamte Zentrum einschließlich der Parkplätze lässt sich auf Knopfdruck in 40 Lux helles licht tauchen.”15
Eine stetig wachsende Nachfrage in den Bereichen Überwachungskameras, Zäune, Wachpersonal, Bewegungsmelder, Scheinwerfer und fehlende öffentliche Toiletten sowie fehlendes Sitzmobiliar im öffentlichen Raum zeigt die Verunsicherung der Individuen.
Die Branche boomt: Brain Weintock, ein führender Developer aus dem Valley, prahlt, daß er über hundert Viertel frisch eingezäunt habe und die Nachfrage nach mehr Sicherheit unstillbar sei. “Das erste was sie [die Käufer] einen fragen, ist ob der Stadtteil einen Zaun hat. Bei eingezäunten Stadtteilen haben wir eine dreimal höhere Nachfrage als bei nicht eingezäunten.”
1 Vgl.: Deleuze, L’autre journal, Nr. I, Mai 1990, Postskriptum über die Kontrollgesellschaften
2 Vgl.: Michel Foucault, Die Hauptwerke, Überwachen und Strafen, III Disziplin, I. Die gelehrigen Körper, Suhrkamp Verlag 2008, S. 837
3 Vgl.: ebd. S. 837
4 Vgl.: Michel Foucault, Die Hauptwerke, Überwachen und Strafen, III Disziplin, I. Die gelehrigen Körper, Suhrkamp Verlag 2008, S. 838
5 Vgl.: ebd. S. 837
6 Vgl.: ebd. S. 839
7 Vgl.: ebd. S. 839
8 Vgl.: ebd. S. 839
9 Vgl.: ebd. S. 83910 Vgl.: Deleuze, L’autre journal, Nr. I, Mai 1990, Postskriptum über die Kontrollgesellschaften
11 Vgl.: ebd.
12 Vgl.: ebd.
13 Vgl.: Mike Davis, City of Quartz, Ausgrabungen der Zukunft in Los Angeles, Festung L.A. die verbotene Stadt S.225
14 Vgl.: ebd., S. 236
15 Vgl.: ebd., S. 235