Schlagwort-Archiv: Gesellschaftswandel

Ursache freier Räume?

18 Feb

Wandel der Städte und der Gesellschaft ermöglichten freie Räume

Wenn man sich die historische Entwicklung innenstadtnaher Wohngebiete anschaut, fällt auf, dass diese im Laufe der Zeit den stärksten Wandel zu verbuchen hatten. London in Zeiten der Industrialisierung beispielsweise, veränderte mit der Entdeckung Dampfkraft auf enorme Weise sein bauliches Gesicht. Die Industrialisierung veränderte auch Deutschlands Städte in atemberaubenden Tempo. Die Bewohnerzahlen der Städte explodierten, Wohnraum war knapp und die hygienischen Zustände katastrophal.

Die Folge des Krieges war unter anderem die Zerstörung kompletter Innenstädte oder sehr großer Teilbereiche der Städte Besonders betroffen waren vor allem die Innenstädte, da hier die oft die Produktionsstätten angesiedelt waren. Währen der Wiederaufbauphase in den 50er Jahren wurde ein Teil der gründerzeitlichen Bebauung wieder errichtet und die Innenstadt in ehemalige Arbeiterquartiere hinein erweitert. Große Teile der alten städtischen Strukturen mussten aber der „autogerechten“ Stadt weichen und es wurde zum Teil massiv in der inneren Stadt neugebaut.[1]

Parallel hierzu entwickelte sich der Raumbedarf der Bevölkerung zunehmend positiv und gipfelte in das geburtenstärkste Jahr 1964 mit 1,36 Millionen Geburten in Deutschland.[2]

Bei zunehmenden Raumbedarf und steigender Flächeninanspruchnahme durch die Bürger wurden Innenstädte immer uninteressanter. Sie galten als nicht geeignet für Kinder. Grund war zum einen die „autofreundliche“ Stadt, sowie nicht angepasste Grundrisse. So setzte rasch die erste Welle der Suburbanisierung ein. Mit der Eigentumsförderung wurden junge Familie zum Bauen auf der „grünen Wiese“ ermutigt der Innenstadt den Rücken zu kehren. So entstanden immer mehr Wohnsiedlung am Rande der Städte, während durch die steigende Motorisierung und dem zunehmenden Pendlerverkehr die Innenstädte massiv an Wohnqualität einbüßten.[3]

Wandel der Gesellschaft und der Städte

Wandel der Gesellschaft und der Städte

Aufgrund dieser Entwicklungen siedelten sich immer mehr Angehörige ökonomisch schwacher Gruppen an. Durch die Migrationswellen der Gastarbeiter entwickelte sich in der deutschen Innenstadt ein als ungesundes erachtetes Milieu. Es wurden keine Investitionen mehr in diese Quartiere getätigt, da des lukrativer war neu zu bauen. Während dieser Zeit (ab Mitte der 70er) wurde bundesweit mit Stadtteilentwicklungsmaßnahmen begonnen, die den Missstand beheben sollten. Rechtliches Instrumentarium ist hierfür das 1987 verabschiedete Städtebauförderungsgesetz welches bis heute Anwendung findet. Anfangs gab es das Problem, dass viele Planer über die Sozialstrukturen hinweg planten und stark die Tendenz zeigten Bestände weiter abzureißen. Bestehende und funktionierende soziale Strukturen wie bereits in den 70er in Karoviertel Hamburg, wehrten sich massiv gegen den Abriss ihrer Quartiere. So kam es zu Verzögerungen und im besten Falle zu einer Prüfung zur Erhaltungswürdigkeit der Sozialstruktur.[4]

Aufgrund der Kritik an diesem Programm gibt es bis heute viele neue Stadtentwicklungsprogramme des Bundes, der Länder und der EU. Die heute wohl bekanntesten dürften das Programm „soziale Stadt“ und „ExWoSt“ sein. Städtebauliche Sanierungsmaßnahme des Bundes und der Länder beinhalten umfangreiche Modernisierungs- und Sanierungsmaßnahmen. So hat jedes Bundesland seine eigenen Förderprogramme. Gemein ist ihnen jedoch, das sie alle neben der Erneuerung des Wohnungsbestandes auch das Umfeld tangieren. Zunehmend wurde der Schwerpunkt dieser Programme von der Stadterweiterung zur Stadtsanierung verschoben, so dass sich das Lebensumfeld der städtischen Bewohner stark veränderte.[5]

Aufgrund dieser umfangreichen Sanierungsmaßnahmen kam es zu weiten Aufwertungen innerstädtischer Quartiere. Die Mieten stiegen und die alte Bewohnerschaft musste nach und nach weichen. Zudem stieg ab den 80ern stark die Nachfrage nach innerstädtischen Quartieren. Diese wurden vor allem von jungen Erwachsenen, Studenten und Berufsanfängern nachgefragt. Besonders nachgefragt, und dies gilt auch heute noch, ist der gründerzeitliche Altbaubestand am Rand der Innenstadt.

Nachfrage nach Wohnraum HH

Nachfrage nach Wohnraum HH

Die Gründe für diese hohe Nachfrage ist die Zentralität des Standortes und anfänglich auch die günstigen Mieten. Letzteres ist zumindest heute nicht mehr der Fall. Seit Ende der 70er wurde auch wieder verstärkt im Altbaumarkt spekuliert. Gründe hierfür sind unter anderem die erweiterten Abschreibungsmöglichkeiten auf Altbaubestände nach dem Einkommenssteuergesetz, sowie nach dem Wohnungseigentumsförderungsgesetz von 1986. Letzteres beschleunigte die Umwandlung von Mietwohnungen in Eigentumswohnungen. Dies hatte zur Folge, dass der günstige innerstädtische Wohnungsbestand bis heute kontinuierlich abgebaut wurde.[6]

Dies betraf auch zunehmend den sozialen Wohnungsbestand der 50er und 60er Jahre. Auch heute laufen immer mehr die Mietpreisbindungen aus und werden nicht verlängert. Besonders betroffen sind davon die Sanierungsgebiete. Erste positive Ansätze diesen Trend zu Stoppen gibt es in Hamburg im Rahmen der sogenannten „sozialen Erhaltensverordnung“. Hier wird in die Eigentumsrechte der Wohnungsanbieter eingegriffen. Mieterhöhungen und Verkäufe müssen seitens der Hamburger Behörden genehmigt werden. Ziel ist es, die soziale Struktur vor einer Homogenisierung zu schützen. Bevor aber diese Verordnung in Kraft treten kann, muss eine Art Plausibilitätsprüfung zur Rechtfertigung und städtebaulichen Notwendigkeit stattfinden.[7]

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Innenstädte seit einigen Jahren wieder eine stark gestiegene Nachfrage aufzuweisen haben. Dies hängt mit den Modernisierungen im Rahmen umfangreicher Stadterneuerungen, verbessertem ÖPNV, Vehrkehrsberuhigungen sowie dem gestiegenem kulturellen Angebot zusammen. Neue Tatsachen wie der Demografische Wandel, die Singularisierung der Haushalte, sowie den Zurückzug auch einkommensstärkerer Gruppen hat die Innenstadt ihren Ruf verbessern können und ist heute gefragter denn je.


[1] Vgl.: Blasius Jörg, Dangschat Jens S., Gentrification – Die Aufwertung innenstadtnaher Wohnviertel, Campus Verlag,1990, S.13

[2] Vgl.: N24, Deutschlandentvölkert sich. http://www.n24.de/Nachrichten/Politik, Zugriff: 21.01.2010

[3] Vgl.: Blasius Jörg, Dangschat Jens S., Gentrification – Die Aufwertung innenstadtnaher Wohnviertel, Campus Verlag,1990, S.13

[4] Vgl.: ebd., S. 14

[5] Vgl.: ebd., S. 14

[6] Vgl.: Blasius Jörg, Dangschat Jens S., Gentrification – Die Aufwertung innenstadtnaher Wohnviertel, Campus Verlag,1990, S.16

[7] Varschen Joseph, Macchiato-Stop auf St. Pauli, taz.de, Zugriff: 21.01.2010

Gesellschaftlicher Strukturwandel

15 Feb

Gesellschaftlicher Strukturwandel

Einen gesellschaftlichen Strukturwandel von den fordistischen  Produktionsweisen einer Industriegesellschaft hin zu einer postindustriellen Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft wird seit den 70ern beschrieben.[1] Durch die rasche Entwicklung der Technik, ist es nun möglich den Austausch von Wissen und Geldtransfers stark zu beschleunigen und räumlich zu entgrenzen. Die ermöglichte Überwindung von Raum und Zeit, die Veränderung des Handels führt ebenfalls zu einem Strukturwandel in der Stadtgesellschaft.[2]

Merkmale zur sozialen Ungleichheit wie das biologische oder soziale Geschlecht, der Wohnort, der Lebensstil und den damit verbunden Werten bekommen heute eine neue Relevanz. Nach Frey lässt sich durch die Auflösung sozialer Strukturen die Spaltung der Gesellschaft in arm und reich ableiten. So sind heute immer mehr Teile der Mittelstandsgesellschaft von Armut betroffen.[3]

Mit dem Bedeutungszuwachs von Kultur, Wissen und heute immer mehr Kreativität gehen ökonomische Umstrukturierungen in der Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft einher. Diese weichen Produktionsfaktoren werden für die Herstellung und den Vertrieb von Gütern immer wichtiger. So werden nicht nur Güter aus physischen Stoffen hergestellt, sondern auch neue Dienstleistungsbereiche im Internet entstehen. Der moderne Kapitalismus geht also nicht mehr nur von rein materiellen Gütern aus, sondern hinter ihm steckt ebenfalls die Produktion immaterieller Güter. Hierzu zählen nicht nur neue Dienstleistungsbereiche sondern gleichfalls der Produktionsfaktor Wissen zur Produktion eben dieser neuen zum Teil virtuellen Güter. Die gesellschaftliche und städtische Entwicklung ist nun also stärker von einer wissensbasierten und von kulturellen Ökonomien beeinflusst.[4]

Die Bedeutung von Symbolen und Images schon während der Produktion  und während des Konsums werden immer wichtiger, so dass die Bedeutung von Kreativität, Wissen und Innovation weiter wächst.[5]

Durch diese Verschiebung weg von den produzierenden Gewerben hin zu den neuen wissensbasierten Ökonomien kommt es innerhalb der Stadt neuen Verknüpfungen zwischen Kultur und Ökonomie. Diese neuen Produktionsweisen führen zu neuen Lebens- und Arbeitsweisen und werden vor allem auf Mikroebene zu Hoffnung für die städtische Ökonomie. Die Kreativwirtschaft wird bereits als potentielle Wachstumsstrategie angesehen und teilweise als Maßnahme der städtebaulichen Entwicklung betrachtet.[6]

Am 19.01.2010 wurde in Hamburg die vom Senat in Auftrag gegebene Studie „Kreative Milieus und offene Räume“ vorgestellt. Diese wurde von dem Berliner Büro „urban catalysts“ umgesetzt. Diese Studie manifestiert die aktuelle Bedeutung der Kreativwirtschaft für die Städte als globalen Imagefaktor. Hierfür spricht auch der Begriff der „creative cities“. Dieser wurde unter anderem von Richard Florida geprägt. Er beschreibt creative cities als jene, die sich über die von ihm definierten drei Säulen (The 3T´s of Economic Growth) der Technologie, Talent und Toleranz auszeichnen. Hier lautet seine Grundannahme, das die Kreativität zum ökonomischen Produktionskraft der Städte geworden ist und hierüber eine steigende Wertschöpfung stattfindet. Somit wird das Vorhandensein kreativen Potenzial in den Städten wieder wichtiger.

„Great Cities have always been melting pots of races and cutlures. Out of the vivid and subtle interactions of which they have been the centers, there have come the newer breeds and the newer social types.“[7]

-Robert Park-

In der Stadt sammelte sich schon immer aufgrund ihrer Heterogenität das kreative Potenzial einer Region oder zum Teil eines Landes. Nun zeigt die historische Entwicklung einen erneuten Fokus auf dieses vorherrschende Potenzial in der Stadt. Da diese Ressource knapp ist, stehen hier die Städte in einem Konkurrenzkampf um den attraktiven und weichen Standortfaktor Kreativität.[8]

Hierbei geht es darum, die Städte für eine Standortprofilierung für kreative Ökonomien vorzubereiten. Es sollen Strukturen und freie Räume aufgedeckt werden. In erster Linie steht nicht die direkte Ökonomisierung des Potenzials im Vordergrund, sondern das Stadtimage. Sie zeigt die enge und nicht trennbare Verzahnung von Stadtentwicklung bzw. Planung und der Entwicklung der Wissens- und kreativen Gesellschaft.[9]

Dabei versuchen sich die Akteure dieser neuen städtischen Ökonomien in neuen Lebensstilen mit neuen räumlichen Aufteilungen zwischen Arbeiten und Wohnen. Hierbei entstehen neue Tagesrhytmen und neue heterogene Sozialstrukturen. Da diese Akteure, „Pioniere“, offene Räume zur Entfaltung ihrer neuen gesellschaftlichen Lebensformen benötigen, ist hier auch der starke Zusammenhang zwischen Stadtplanung und der kreativen Szene zu sehen. [10] Die Organization for Economic Cooperation and Development (OECD) empfiehlt ihren Mitgliedsstaaten, die Kreativwirtschaft stärker zu fördern, da ihre Produkte und Dienstleistungen neue interessante Entwicklungsmöglichkeiten für Städte, Regionen und den Tourismus bieten.[11] Zwischen dem Wachstum der Wirtschaft und der Kreativität wird für das Wachstum ein direkter Bezug hergestellt. Damit die Städte das Potential dieser wachsenden Kreativen „Klasse“ benötigen sie hierfür professionelle, tolerante und abgestimmte Strukturen.[12]

Aus diesem Hintergrund heraus, ist es auch sehr wichtig, die Strukturen der Pioniere zu definieren und darzustellen. Nachfolgend soll dargestellt werden, was kreative Ökonomien eigentlich sind, wie sie funktionieren und warum sich ihre Akteure die Räume suchen, die später oft von der Gentrifizierung betroffen sind.


[1] Vgl.: Läpple Dieter: City and Region in an Age of Globalisation and Digitilization. In: German Journal of Urban Studies 2/40. 2001. http://www.difu.de/index.shtml?/publikationen/dfk/en/. Zugriff: 25.01.2010

[2] Vgl.: Henckel, Dietrich (2005): Raumzeitstrukturen. In: Akademie für Raumforschung und Landesplanung (ARL) (Hrsg.): 911-919in: Frey, Oliver: Die amalgane Stadt,2009 S.34

[3] Vgl.: Frey, Oliver: Die amalgane Stadt, Gesellschaftlicher Strukturwandel – Übergang einer Industriegesellschaft zu einer Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft, 2009 S.34

[4] Vgl. Frey, Oliver (2006): Ein neuer Stadttypus in der Wissensgesellschaft. Die amalgane Stadt der kreativen  Milieus. In: Historisches Forum. http//edoc.hu-berlin.de/e-histfor/8. Abgerufen am 15.11.2007 in: Frey, Oliver: Die amalgane Stadt, Gesellschaftlicher Strukturwandel – Übergang einer Industriegesellschaft zu einer Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft, 2009 S.34

[5] Vgl.: Featherstone, Mike, Lash, Scott (1999): Spaces of Culture. In: Frey, Oliver: Die amalgane Stadt, Gesellschaftlicher Strukturwandel – Übergang einer Industriegesellschaft zu einer Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft, 2009 S.36

[6] Vgl.: Frey, Oliver: Die amalgane Stadt, Gesellschaftlicher Strukturwandel – Übergang einer Industriegesellschaft zu einer Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft, 2009 S.36

[7] Vgl.: Florida Richard, Cities and the Creative Class, 2005, S. 27

[8] Vgl.: ebd. S. 37-38

[9] Die gesamte Studie „Kreative Milieus und offene Räume in Hamburg“ ist erhältlich über das Büro Urban Catalysts in Berlin oder bei der Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt in Hamburg

[10] Vgl.: Frey, Oliver: Die amalgane Stadt, Gesellschaftlicher Strukturwandel – Übergang einer Industriegesellschaft zu einer Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft, 2009 S.36

[11] Vgl.: OECD Reviews on Innovation Policy, Switzerland, 2006 in: Gerig Manfred, Söndermann Michael, Weckerle Christop: Kreativ Wirtschaft Schweiz, 2008, S. 13

[12] Vgl.: Gerig Manfred, Söndermann Michael, Weckerle Christop: Kreativ Wirtschaft Schweiz, 2008, S. 15

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