Wandel der Städte und der Gesellschaft ermöglichten freie Räume
Wenn man sich die historische Entwicklung innenstadtnaher Wohngebiete anschaut, fällt auf, dass diese im Laufe der Zeit den stärksten Wandel zu verbuchen hatten. London in Zeiten der Industrialisierung beispielsweise, veränderte mit der Entdeckung Dampfkraft auf enorme Weise sein bauliches Gesicht. Die Industrialisierung veränderte auch Deutschlands Städte in atemberaubenden Tempo. Die Bewohnerzahlen der Städte explodierten, Wohnraum war knapp und die hygienischen Zustände katastrophal.
Die Folge des Krieges war unter anderem die Zerstörung kompletter Innenstädte oder sehr großer Teilbereiche der Städte Besonders betroffen waren vor allem die Innenstädte, da hier die oft die Produktionsstätten angesiedelt waren. Währen der Wiederaufbauphase in den 50er Jahren wurde ein Teil der gründerzeitlichen Bebauung wieder errichtet und die Innenstadt in ehemalige Arbeiterquartiere hinein erweitert. Große Teile der alten städtischen Strukturen mussten aber der „autogerechten“ Stadt weichen und es wurde zum Teil massiv in der inneren Stadt neugebaut.[1]
Parallel hierzu entwickelte sich der Raumbedarf der Bevölkerung zunehmend positiv und gipfelte in das geburtenstärkste Jahr 1964 mit 1,36 Millionen Geburten in Deutschland.[2]
Bei zunehmenden Raumbedarf und steigender Flächeninanspruchnahme durch die Bürger wurden Innenstädte immer uninteressanter. Sie galten als nicht geeignet für Kinder. Grund war zum einen die „autofreundliche“ Stadt, sowie nicht angepasste Grundrisse. So setzte rasch die erste Welle der Suburbanisierung ein. Mit der Eigentumsförderung wurden junge Familie zum Bauen auf der „grünen Wiese“ ermutigt der Innenstadt den Rücken zu kehren. So entstanden immer mehr Wohnsiedlung am Rande der Städte, während durch die steigende Motorisierung und dem zunehmenden Pendlerverkehr die Innenstädte massiv an Wohnqualität einbüßten.[3]
Aufgrund dieser Entwicklungen siedelten sich immer mehr Angehörige ökonomisch schwacher Gruppen an. Durch die Migrationswellen der Gastarbeiter entwickelte sich in der deutschen Innenstadt ein als ungesundes erachtetes Milieu. Es wurden keine Investitionen mehr in diese Quartiere getätigt, da des lukrativer war neu zu bauen. Während dieser Zeit (ab Mitte der 70er) wurde bundesweit mit Stadtteilentwicklungsmaßnahmen begonnen, die den Missstand beheben sollten. Rechtliches Instrumentarium ist hierfür das 1987 verabschiedete Städtebauförderungsgesetz welches bis heute Anwendung findet. Anfangs gab es das Problem, dass viele Planer über die Sozialstrukturen hinweg planten und stark die Tendenz zeigten Bestände weiter abzureißen. Bestehende und funktionierende soziale Strukturen wie bereits in den 70er in Karoviertel Hamburg, wehrten sich massiv gegen den Abriss ihrer Quartiere. So kam es zu Verzögerungen und im besten Falle zu einer Prüfung zur Erhaltungswürdigkeit der Sozialstruktur.[4]
Aufgrund der Kritik an diesem Programm gibt es bis heute viele neue Stadtentwicklungsprogramme des Bundes, der Länder und der EU. Die heute wohl bekanntesten dürften das Programm „soziale Stadt“ und „ExWoSt“ sein. Städtebauliche Sanierungsmaßnahme des Bundes und der Länder beinhalten umfangreiche Modernisierungs- und Sanierungsmaßnahmen. So hat jedes Bundesland seine eigenen Förderprogramme. Gemein ist ihnen jedoch, das sie alle neben der Erneuerung des Wohnungsbestandes auch das Umfeld tangieren. Zunehmend wurde der Schwerpunkt dieser Programme von der Stadterweiterung zur Stadtsanierung verschoben, so dass sich das Lebensumfeld der städtischen Bewohner stark veränderte.[5]
Aufgrund dieser umfangreichen Sanierungsmaßnahmen kam es zu weiten Aufwertungen innerstädtischer Quartiere. Die Mieten stiegen und die alte Bewohnerschaft musste nach und nach weichen. Zudem stieg ab den 80ern stark die Nachfrage nach innerstädtischen Quartieren. Diese wurden vor allem von jungen Erwachsenen, Studenten und Berufsanfängern nachgefragt. Besonders nachgefragt, und dies gilt auch heute noch, ist der gründerzeitliche Altbaubestand am Rand der Innenstadt.
Die Gründe für diese hohe Nachfrage ist die Zentralität des Standortes und anfänglich auch die günstigen Mieten. Letzteres ist zumindest heute nicht mehr der Fall. Seit Ende der 70er wurde auch wieder verstärkt im Altbaumarkt spekuliert. Gründe hierfür sind unter anderem die erweiterten Abschreibungsmöglichkeiten auf Altbaubestände nach dem Einkommenssteuergesetz, sowie nach dem Wohnungseigentumsförderungsgesetz von 1986. Letzteres beschleunigte die Umwandlung von Mietwohnungen in Eigentumswohnungen. Dies hatte zur Folge, dass der günstige innerstädtische Wohnungsbestand bis heute kontinuierlich abgebaut wurde.[6]
Dies betraf auch zunehmend den sozialen Wohnungsbestand der 50er und 60er Jahre. Auch heute laufen immer mehr die Mietpreisbindungen aus und werden nicht verlängert. Besonders betroffen sind davon die Sanierungsgebiete. Erste positive Ansätze diesen Trend zu Stoppen gibt es in Hamburg im Rahmen der sogenannten „sozialen Erhaltensverordnung“. Hier wird in die Eigentumsrechte der Wohnungsanbieter eingegriffen. Mieterhöhungen und Verkäufe müssen seitens der Hamburger Behörden genehmigt werden. Ziel ist es, die soziale Struktur vor einer Homogenisierung zu schützen. Bevor aber diese Verordnung in Kraft treten kann, muss eine Art Plausibilitätsprüfung zur Rechtfertigung und städtebaulichen Notwendigkeit stattfinden.[7]
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Innenstädte seit einigen Jahren wieder eine stark gestiegene Nachfrage aufzuweisen haben. Dies hängt mit den Modernisierungen im Rahmen umfangreicher Stadterneuerungen, verbessertem ÖPNV, Vehrkehrsberuhigungen sowie dem gestiegenem kulturellen Angebot zusammen. Neue Tatsachen wie der Demografische Wandel, die Singularisierung der Haushalte, sowie den Zurückzug auch einkommensstärkerer Gruppen hat die Innenstadt ihren Ruf verbessern können und ist heute gefragter denn je.
[1] Vgl.: Blasius Jörg, Dangschat Jens S., Gentrification – Die Aufwertung innenstadtnaher Wohnviertel, Campus Verlag,1990, S.13
[2] Vgl.: N24, Deutschlandentvölkert sich. http://www.n24.de/Nachrichten/Politik, Zugriff: 21.01.2010
[3] Vgl.: Blasius Jörg, Dangschat Jens S., Gentrification – Die Aufwertung innenstadtnaher Wohnviertel, Campus Verlag,1990, S.13
[4] Vgl.: ebd., S. 14
[5] Vgl.: ebd., S. 14
[6] Vgl.: Blasius Jörg, Dangschat Jens S., Gentrification – Die Aufwertung innenstadtnaher Wohnviertel, Campus Verlag,1990, S.16
[7] Varschen Joseph, Macchiato-Stop auf St. Pauli, taz.de, Zugriff: 21.01.2010

